Depesche will Schmäußbräu verbieten

Eine amtliche Depesche sorgte bei der Schmäuß-Probe am Donnerstag in der Brauerei Kaiserhof für Zündstoff: Die „Kroniche“ sollen heuer beim Historischen Stadtspektakel auf ihr geliebtes Schmäuß verzichten: welch ungeheuerliche Vorstellung!

„Es wird heuer ein trauriges Stadtspektakel und ihr werdet großen Bierdurst erleiden“ – Das sonst so einnehmende Strahlen vom Bräumeister Thomas Kaiser wich einem zerknirschten Gesicht. Eine schlaflose Nacht lang habe er überlegt, erzählte er den zahlreich anwesenden Vertretern der Kronacher Historischen Szene, wie er das große Unheil abwenden könne. Doch es sei ihm keine Lösung eingefallen. Er rang mit der Fassung, als er die Depesche mit dem ungeheuerlichem Inhalt vorlas.

Namens der städtischen Kammer tat die Löwenherzin darin kund, dass Lucas-Cranach, dem Jüngeren in seinem Jubiläumsjahr zu huldigen sei. Daher ergehe der Erlass, dass heuer beim Stadtspektakel ausschließlich Lucas-Cranach-Bier ausgeschenkt werden dürfe. Eine Zuwiderhandlung werde mit schlimmsten Strafen geahndet: Bei einem fälschlich ausgeschenkten Kunigundenmaß werde ein Gulden in die Stadtkasse fällig, bei mehr als drei Eimern droht dem Bräu eine Stunde am Pranger und bei mehr als zehn Eimern gar das Drehhäusla mit anschließender Unterbringung im Hexenturm. Der Bräu erklärte: „Ich habe mein Keller mit Schmäuß gefüllt. Das, was ihr gekostet habt, war das letzte Fass Lucas-Cranach-Bier. Ich habe keines mehr. Ich werde beim Stadtspektakel nicht ausschenken. Ihr müsst Bierdurst leiden.“ Diese Ankündigung sorgte für größten Tumult und gipfelte in wüsten Drohungen an die Löwenherzin – wie „An den Pranger mit ihr, an den Galgen“.

Dabei hatte die Schmäuß-Probe begonnen wie jedes Jahr, sprich mit der Bierprüfung. Dieses Recht liegt seit dem 16. Jahrhundert bei den Viertelmeistern, die es hinsichtlich Geschmack und Würze testen dürfen. Und der Bräu schürte große Erwartungen: „Ich habe Super-Gerste für das Schmäuß verwendet. Der Hopfen ist gut gelungen, der viele Regen hat ihm nichts anhaben können. Die Erne war gut. Ich habe den Schmäußbräu-Keller gut füllen können.“ Bevor der holde Gerstensaft die Kehlen laben konnte, musste das erste Bierfass entjungfert werden. Diese ehrenvolle Aufgabe oblag der Jungfrau Kerstin, die das ihr angetragene Amt vorzüglich meisterte. Nur wenige beherzte Schläge mit dem Holzhammer genügten … und der Trunk floss zum ersten „Wohlan“ in die Krüge. Doch irgendwie wollte heuer keine so richtige Begeisterung aufkommen. „Dir ist wohl die Farbe ausgegangen. Der Schaum ist ja ganz blass“, monierte Markus Steller. Eine Lanze für den Trunk brach Viertelmeister Stefan Wicklein, der ihn mit einer aufgehenden Sonne verglich. Aufgrund der geteilten Meinungen ordnete Stadtvogt Hans Götz an: „Gebt dem Volke das Bier, lasst das Volke urteilen.“ Norbert Neugebauer aus dem preußischen hohen Norden nahm das Recht eines unfehlbaren, weil neutralen Urteils in Anspruch. Er zeigte sich voller Respekt für das Schmäuß, das im vergangenen Jahr beim Nordwald-Spektakulum erstmals ausgeschenkt worden war. So gibt es nun in Nordhalben sogar die erste Wirtschaft mit Kaiserhöfer-Bier. Auch Bernd Radlos verwöhnter Gaumen bezeichnete den jungfräulichen Trunk als sehr gut gelungen. Die endgültige Entscheidung behielt sich Oberbürgermeister Wolfgang Beiergrößlein vor. „Das Bier war gut, es bleibt gut, das wird in Jahrzehnten so sein. Wir in Kronach haben leere Hände, aber volle Krüge“, freute er sich.

Durch das Geständnis des Bräus kam nun Licht ins Dunkel, hatte er ihnen doch Lucas-Cranach-Bier vorgesetzt. „Wohlschmeckend, aber eben kein Schmäuß“, so das Urteil der Viertelmeister. „Was geht uns Lucas Cranach, der Jüngere an?“, fragte Stadthauptmann Walter Schinzel-Lang. Stefan Wicklein meinte: „Das Schmäuß ist ein wahrer Jungbrunnen wie in Öl gemalt – so als hätte es der Meister selbst gemalt. Ich bin der Meinung, wir können das Schmäuß verkosten.“ Heiner Reuß dichtete gar: „Wer Lucas Cranach trinken will, der wandre aus und schweige still. Kommt er zurück, sagt ich bereits, dann trinkt er gern ein frisches Schmäuß.“ „Die Chefin hat ihre Kompetenzen überschritten“, resümierte der Oberbürgermeister. Da sie bereits viele gute Taten für die Stadt vollbracht habe, komme sie nicht an den Pranger, aber in den Tresor.“ Etwas kleinlaut meldete sich die derart bedrohte Löwenherzin zu Worte: „Beim letzen Fest vor zwei Jahren sah man mich wankend in den Armen eines tapferen Weibes.“ Sie habe sich gefragt, wie sie den Genuss mit ihren Amtspflichten vereinen könne. Deswegen habe sie heuer vom Amtswegen das andere Bier angeordnet. „Willst du gegen die Anweisung einer kleinen Angestellten verstoßen“, fragte Götz schließlich den Bräu, der unter Jubel verkündete: „Zum Ausschank wird das Schmäuß kommen – weil, wir haben eh nichts anderes da.“

Für diesem Mut sowie all seine Verdienste um die Kronacher Bierkultur – hält er doch die Tradition der Schmäuß-Verkostung schon seit über zwei Jahrzehnten aufrecht – wurden ihm gleich zwei Ehrungen zuteil. Seitens der Cronacher Ausschuss Compagnie erhielt er die Kaiserliche Krone als Anstecknadel sowie seitens der Wirtzweiber einen Löffel samt hochprozentigem Inhalt. Alle Wogen waren damit geglättet – und die Schmäuß-Probe fand doch noch ihren harmonischen Ausklang – unter musikalischer Umrahmung von „Vogelfrei“ und natürlich mit dem einzig wahren „Schmäußbräu“. hs

Text & Bilder: Heike Schülein