
Die fürstbischöflich und städtischen Beauftragten verweigerten das zur Einstimmung gedachte angebotene Rotbier, um sich in ihrer Urteilskraft nicht beeinflussen zu lassen. Mit der Prüfung der Rohstoffe begann die Visitation. Daran gab es nicht zu mäkeln. Verwunderlich wurde aber registriert, dass im ganzen Haus keine Malzdörrerinnen vorzufinden waren. Dann inspizierte man gründlich den Läuterbottich und die Würzpfanne. Als man sich nach den Holzbutten der Wierzweiber erkundigte, zeigte der Bräu auf die Edelstahlrohre, die nun diese Arbeit verrichteten und das Bier in die Gärbottiche im Keller beförderten. Diese unpersönliche Behandlung der Würze wurde von den Viertelmeistern nicht gutgeheißen.

In einer anderen Welt glaubten sich die Viertelmeister und der Kastner als sie den Gär- und Lagerkeller betraten. Wo waren die ausgetretenen Sandsteintreppen, die Sandsteingewölbe, die hölzernen Gärbottiche und die eichenen Bierfässer. Nichts dergleichen war vorzufinden. Dafür geflieste Räume, blitzende Stahltanks, unendliche Edelstahlrohrleitungen und Fässer aus Aluminium, die keinen Zapfhahn besaßen. Ob damit ein gutes Bier gebraut werden kann? Dass fragten sich ungläubig die Visitatoren.

Der Bräu konnte die Bedenken an den Gesichtern ablesen und schenkte daher schnell ein Bier zur Verkostung ein. Viertelmeister und Kastner sahen dies wohlwollend, verließen aber dann (mit Bier) die ungewohnte Umgebung und setzten sich auf die Stufen zur Markthalle, um in gewohnter historischer Umgebung das Bier zu genießen, aber vor allem, den zu heftig ausgefallenen Innovationschock im Braugewerbe zu verkraften.
3.10.12, Hagoe
