
Dass die Kronacher Ratsherren einen spanischen Habit auch heute noch zu stadtfestlichen Gelegenheiten tragen dürfen, ist hinlänglich bekannt. Der Grund für diese Ehre liegt weit zurück in der Geschichte der Stadt. Vor über 350 Jahren im Jahre 1651, drei Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, wurde den Kronacher Ratsherren dieses Privileg von Fürstbischof Melchior-Otto verliehen. Nur wenige Städte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation kamen in den Vorzug dieser herausragenden Ehre. Nur Reichsstädte wie Köln und Nürnberg gehörten zu diesem privilegierten Kreis. Man kann sich daher vorstellen, dass die damaligen Kronacher Ratsherren mit großem Stolz ihren spanischen Habit trugen.
Aber was ist eigentlich unter einem Spanischen Habit zu verstehen? Im 17. Jahrhundert war die Kleidung sichtbares Zeichen gesellschaftlicher Standeszugehörigkeit. Der Schnitt, die Farbe und selbst die Verarbeitung der Stoffe wiesen die Trägerin oder den Träger als Vertreter(in) einer sozialen Gruppe aus. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass die Regeln der Kleidung in so genannten Kleiderordnungen festgeschrieben waren. Wer sie nicht beachtete und in unziemlicher Kleidung die soziale Hierarchie zu unterlaufen versuchte, musste mit Schimpf und Schande und mit hohen Geldstrafen rechnen.
Die Mode wurde im Grundsätzlichen von der höfischen Gesellschaft vorgegeben. War im 15. Jahrhundert noch die italienische Mode an den Höfen bestimmend, so setzten sich im 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts mit der wachsenden Bedeutung Spaniens deren modische Vorlieben in Europa durch. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 kam dann der französische Stil immer mehr in Mode.
Der Begriff Habit, abgeleitet vom lateinischen „habitus“ steht für die Kleidung im Allgemeinen, im engeren Sinne für die Ordenskleidung. Habit kann also auf die „alltägliche Kleidung bezogen werden, die im 16. Und 17. Jahrhundert überwiegend von der spanischen Mode beeinflusst war.

Grundsätzlich gilt festzustellen: Schwarz war in der Zeit die dominierende Farbe. Zumindest galt dies für die Herren am Spanischen Hofe. Aber auch bei den Frauen wurde die Farbe Schwarz als Alltagskleidung getragen. Ob diese nur von den Witwen als Trauerkleider bevorzugt wurde, darüber herrscht in der Literatur Uneinigkeit. Übereinstimmend wird dagegen die spanische Mode sowohl streng und starr im Schnitt, wie auch in der Farbgebung beschrieben. Sie wirkte aber dadurch auch elegant und edel. Karl V. (1500 – 1558) wird maßgeblich diese Hinwendung zur schwarzen Kleidung zugeschrieben. Er galt als schwermütig und religiös tief geprägte Persönlichkeit, die sich dem Katholizismus in strengster Weise unterwarf. Das steife burgundische Hofzeremoniell, das unter seiner Regentschaft am Hofe eingeführt wurde, war zudem diesem wenig farbenfrohen modischen Erscheinungsbild förderlich.
Nach Deutschland kam die spanische Tracht über die deutschen Fürsten, insbesondere denen, die im Lager der Gegenreformation standen. Gerade im süddeutschen Raum fanden die modischen Vorgaben aus Spanien schnell ihre Anhänger. Albrecht Dürer, Zeitgenosse unseres Lucas Cranach d. Ä., bekam auf seiner niederländischen Reise im Jahre 1520 ein „spanisches mentelle“ von Erasmus von Rotterdam geschenkt, was wohl damals als nicht alltägliche Gabe betrachtet wurde.

Charakteristische Kleidungstücke für den spanischen Herrn – auf die soll hier nur eingegangen werden, um den Rahmen nicht zu sprengen – waren zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine aufgepolsterte Hose mit enganliegenden, die Waden betonenden Strümpfen. Ein Mantelumhang(Capa), kreisrund geschnitten, lag über einem kurzen engen Wams, das überging in eine Halskrause (Kröse), die zeitweise mühlsteinartige Größe annahm und sich im Laufe der Zeit zum eigenständigen Kleidungsstück entwickelte. Den Kopf bedeckte ein mit Straußenfedern geschmücktes Barett oder ein spitzer hoher Hut mit schmaler Krempe. Je nach Stand wurden die Gewänder mit Spitzen, Borten, Gold- und Silberstickerei oder gar Juwelen versehen, so dass die dunklen Stoffe durch den Glanz des Zierrats betont und gleichzeitig erhöht wurden.
Nun lässt sich aus der spanischen Mode des 16. Jahrhunderts nicht unmittelbar auf das so genannte Spanische Habit schließen, das den Kronacher Ratsherren verliehen wurde. Das, was sich dann im 17. Jahrhundert in den Amtstrachten der deutschen Ratsherren manifestierte, wurde aber hier bereits angelegt: der Mantel, die Halskrause und der Hut. Wenngleich sie sich noch in Form und Stil änderten. Der Mantel verlängerte sich bis auf Kniehöhe, die Halskrause wurde tragbarer und der Hut passte sich der zeitgemäßen Mode an. Was sich nicht veränderte, war die Farbe Schwarz. Nicht allein wegen der modischen Vorgabe aus Spanien. Die Farbe Schwarz veranschaulichte aus weltlicher Sicht die Tugenden der Ehrsamkeit, Maßhaftigkeit und Sittsamkeit und aus religiöser Anschauung: Frömmigkeit und Gottgefälligkeit. Diese, der schwarzen Bekleidung zugeschriebenen Versinnbildlichungen waren stark vom damaligen Zeitgeist geprägt. Welcher Ratsherr wollte sich solche Tugenden nicht nachsagen lassen?

Im Rathaussaal des historischen Rathauses findet man an der Stirnseite, links und rechts vom berühmten Gemälde von Lorenz Kaim, dem Schwedensturm, zwei Personenbildnisse, die die charakteristischen Halskrausen der damaligen Zeit tragen. Die Gemälde stammen aus dem 17. Jahrhundert und sollen „Bürgermeister“ darstellen. Das ist zumindest die dürre Auskunft der erläuternden Messingschilder. Zumindest das linke Gemälde zeigt eine Person mit dem Attribut eines Bürgermeisters: der goldenen Bürgermeisterkette. Eine solche fehlt der Person auf dem rechten Gemälde. Vielleicht zeigt das rechte Gemälde auch nur einen „einfachen“ Ratsherrn, was aus der weniger aufwendigen Halskrause und dem augenscheinlich weniger kostbaren Gewand geschlossen werden könnte. Nach Auskunft der wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Stadt Kronach, Anja Weigelt, wird auch vermutet, dass die Bildnisse ein und dieselbe Person im unterschiedlichen Lebensalter(Aetatis suae 40 anno 1600 SL – VG Aetatis suae 73 ano 1633 SK) darstellen. So interpretiert es zumindest Tilman Breuer. Fehn dagegen nimmt in seiner Chronik eine eindeutige namentliche Zuweisung vor: Hannß Niklaus Zitter und Johannes Mues. Weitere Erkenntnisse könnten den Restaurationsberichten von 2001 entnommen werden, die aber vom Autor nicht eingesehen werden konnten.

Die Bilder zeigen zumindest, dass das fürstbischöfliche Privileg vom Oberbürgermeister und den Ratsherren der damaligen Zeit mit entsprechendem Stolz befolgt wurde. Immerhin durften die Ratsherren einer zwar im Hochstift Bamberg bemerkenswerten Kleinstadt, jedoch reichsweit gesehen doch vollkommen unbedeutenden Stadt, hier in aller Öffentlichkeit ein Gewand tragen, das sonst nur der Obrigkeit in Reichsstädten vorbehalten war. Schade, dass den Ratsherren des modernen Kronachs dieser Stolz auf die Geschichte ihrer Stadt offenbar abhanden gekommen ist.
Hans Götz, 13.01.2015
Quellen:
- http://geschimagazin.wordpress.com/2013/04/26/die-spanische-hoftracht/ v. 22.11.2014
- http://de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Kleidermode v. 22.11.2014
- http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/diss/Bremen/2004/E-Diss1214_Burde.pdf v. 22.11.2014
- http://de.wikipedia.org/wiki/Hose v. 24.11.2014
- http://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCbecker_Amtstrachten v. 25.11.2014
- http://www.was-war-wann.de/mode/mode_1600_1699.html v. 25.11.2014
- Breuer Tilman: Landkreis Kronach. Bayerische Kunstdenkmale Bd. XIX, 1964
- Fehn Georg: Chronik von Kronach, Bd. 1,1950