Die ersten Viertelmeister im Jahr 1996 (von links) Karlheinz Hühnlein, Stefan Wicklein, Kronachs damaliger Bürgermeister Manfred Raum, Stadtvogt Hans Götz, Hans Müller sowie Walter Schinzel-Lang. Foto: privat, Quelle: FT, 17.4.15

Seit 20 Jahren gibt es wieder „moderne“ Viertelmeister und einen Stadtvogt in Kronach. Über den gleichen Zeitraum findet alljährlich auch der Viertelmeistertag statt. Heute ab 18.30 Uhr ist es wieder soweit: In der Oberen Stadt wird das hochstiftliche Kronach erneut lebendig. „Mit auferhobenen fingern gelärte Aydt zu Gott schweren“ – Das werden heute Abend wieder die Viertelmeister Stefan Wicklein, Jens Schick, Markus Steller und Jürgen Ditsche in der Alten Markthalle. Wenn sie den Schwur geleistet und mit Handschlag besiegelt haben, erhalten sie aus Händen des (Ober-)Bürgermeisters Wolfgang Beiergrößlein ihre Viertel in sinnbildlicher Form an Schmuckketten befestigt um den Hals gehängt. Sie dürfen dann ihr ehrenvolles Amt ein weiteres Jahr versehen.

Die ersten Viertelmeister waren im Jahr 1996 Karlheinz Hühnlein, Hans Müller, Walter Schinzel-Lang sowie Stefan Wicklein, der als einzig verbliebener Gründungs-Viertelmeister noch in Amt und Würden ist. Ebenfalls seit zwei Jahrzehnten übt Stadtvogt Hans Götz sein Amt aus. Der erste Viertelmeistertag war am 3. März 1996, damals schon in der Alten Markthalle. Die vier Viertelmeister präsentierten sich dabei voller Stolz in ihren neuen Gewändern, angefertigt von ihrer Gewandschneiderin Charlotte Ernst. Da die Mäntel an die Nachfolger weitergegeben werden, handelt es sich dabei noch um die Originale von damals. „Die Gewänder stellen die Zeit der Renaissance dar – also die Zeit, in der Lucas Cranach gelebt hat“, erklärt Stadtvogt Hans Götz, dessen der Barockzeit nachempfundenes Gewand von seiner Ehefrau Barbara Götz genäht wurde. In den ersten Jahren trug er zunächst noch das im Eigentum der Stadt stehende Lucas-Cranach-Gewand. Er und die Viertelmeister traten erstmals außerhalb des Viertelmeistertags in der konstituierenden Stadtratssitzung 1996 auf. Damals wurde auch den Stadträten empfohlen, dem vom Fürstbischof Melchior Otto verliehenen Recht, einen Spanischen Habit zu tragen, nachzukommen. Leider seien aber bis heute nur Wenige dieser Empfehlung gefolgt. Der Stadtvogt bedauert dies: „Eigentlich müsste es für die Kronacher Ratsherren als Ehre empfunden werden, ein solches Gewand zu tragen. Schließlich ist es ein außergewöhnliches Privileg.“



Damals wie heute habe man das Ziel verfolgt, die in Büchern niedergeschriebene Geschichte erlebbar und lebendig werden zu lassen – nach dem Motto „Bürger leben ihre Geschichte“. „Kronach hat einen unendlichen Schatz, der noch lange nicht ausgeschöpft ist“, zeigt sich der Stadtvogt sicher. Damals seien, so Stefan Wicklein, historische Feste in Kronach noch weitgehend unbekannt gewesen. An historisch Gewandeten habe es nur Lucas Cranach und die Bürgerwehr gegeben. Seit der Installation der Viertelmeister, des Stadtvogts und später auch des Kastners, bildeten sich mehr und mehr historische Gruppen – so unter anderem die Cronacher Ausschuss Companie, die „Croniche´ Tanzleut, die tapferen Kronacher Weiber, die Pottu-Theatergruppe, die Schööduerinnen, die Bräuknechte, die Artillerie des fränkischen Reichkreises, die Fuhrleute Spindler und jüngst eine barocke Tanzgruppe. Auch viele Dinge hätten sich seitdem entwickelt, die heute– im kulinarischen Sinne – untrennbar mit Kronach verbunden scheinen – so das Lucas-Cranach-Bier oder das Schmäußbräu der Brauerei Kaiserhof, die ellenlange Knoblauchbratwurst der Metzgerei Kraus oder die gebackene bzw. hochprozentige Variante der Housnkuh – und natürlich die historischen Feste.

Stefan Wicklein (links) hat mit seinem Team die letzten drei Läufe für sich entschieden. Kann er dieses Jahr erneut gewinnen? Foto: Archiv/Jan Koch, Quelle: FT, 17.4.15

„Der Viertelmeistertag war zugleich der Auftakt des ersten Stadtspektakels 1996“, erzählt Wicklein. 1994 und 1995 habe es zwar in Kronach bereits historische Stadtfeste gegeben, aber eher mit „fremden“ Ideen. „Damals dachten wir, dass Kronach so viel eigene Geschichte habe, um daraus ein Fest mit eigene Ideen zu machen“, erinnern sich Wicklein und Götz. Basierend auf der Fehn-Chronik, sei man auch auf die Idee mit den Viertelmeistern und mit dem Viertelmeisterlauf beim Kronacher Stadtspektakel gekommen. Man habe damals etwas Spannendes zum Zuschauen für die Besucher gesucht, das zudem mit Bier zu tun haben sollte. „Wir kamen auf die wildesten Ideen“, lacht Wicklein. Schließlich entschied man sich für den Lauf, bei dem die Bräuknechte unter Begleitung der Viertelmeister möglichst schnell ein Bierfass transportieren – in Anlehnung an die Wirtsweiber, die das Bier von den Brauereien in die Keller getragen hätten. Die Oberaufsicht über den Lauf obliegt alljährlich Thomas Kaiser. Bislang musste der Lauf nur einmal wegen starken Regens ausfallen. Auch das alle zwei Jahre – im Wechsel mit dem Stadtspektakel – über Pfingsten stattfindende „Crana Historica“ werde von den Aktiven des aus der historischen Szene hervorgegangenen Stadtspektakels auf die Beine gestellt. „Unser Gedanke war es auch, dass beim Stadtspektakel die beteiligten Vereine die Bewirtschaftung übernehmen und damit etwas Geld für ihre Vereinskasse verdienen“, verrät Götz. Bei der Bewirtschaftung seit Anfang an dabei sind die Bürgerwehr, das Jugendorchester und die Rytterschaft.

Den Melchior-Otto-Tag im Januar gibt es seit über 360 Jahren. Aber nunmehr laufen beim Zug vom Alten Rathaus zur Stadtpfarrkirche auch die Gewandteten mit – und zwar in der urkundlich niedergeschriebenen Formation.
Aber auch anderenorts im Landkreis installierten sich Highlights – wie „Der Friede von Nordhalben“ oder der Ratsherrenzug nach Nordhalben. Das Medienecho sei riesig. Die Ausschüsser und die Bürgerwehr trügen Kronachs Geschichte sogar europaweit hinaus. „Das Kunigundenmaß, bei dem man eineinviertel Liter Bier zum Preis von einem erhält, landete sogar schon einmal auf der Titelseite der Bild-Zeitung“, freuen sich die beiden. Auch der Bayerische Rundfunk berichtete schon vom Stadtspektakel und dem Ratsherrenzug. „Von unseren Festen geht eine riesige Werbewirkung aus“, zeigt sich Götz sicher. Nicht zuletzt wurde der Viertelmeister auch 2001 auf dem Kronacher Faschingsorden verewigt. Von den Highlights der vergangenen 20 Jahren blieben der zwei Mal nachgespielte Schwedensturm und der Besuch bei Erzbischof Dr. Ludwig Schick nach dessen Amtseinführung im Jahr 2002 in besonderer Erinnerung. Nach alter Tradition machte sich eine Abordnung aus Viertelmeistern, Stadtvogt und weiteren Verantwortliche damals auf, um dem Bamberger Oberhirten ein Fass Kronacher Bier persönlich zu übergeben. „Wir sind in unseren Gewändern quer durch Bamberg zum Domberg hinaufgezogen“, erinnern sich die Beiden. Dies alles wäre nicht möglich, ohne die vielen engagierten Bürger, die sich für den Erhalt ihrer Geschichte einsetzen – gerade auch Thomas Kaiser von der Brauerei Kaiserhof, der die Geschichte „lebe“. So lade dieser alljährlich Mitte Juni alle Gewandeten zum Schmäußtag ein – zum Auftakt für die anstehenden Feste „Crana Historica“ oder „Stadtspektakel“.
Bis jetzt gab es acht Viertelmeister. Neben den Gründungs-Mitgliedern waren dies Horst Rubel und Dietmar Pohl sowie die sich jetzt noch im Amt befindlichen Jens Schick, Markus Steller und Jürgen Ditsche. Der erste Kastner war Georg Polifka, ihm folgten Markus Steller und jetzt Richard Chalupa. Die Viertelmeister-Kette gibt es seit 1997. Sie wurde von Heinrich Schreiber geschaffen, damit die Viertelmeister ihre Viertel als Kette um den Hals tragen können. Der Viertelmeistertag fand immer in der Alten Markthalle statt – bis auf zwei Ausnahmen. 2001 hielt man sie wegen Umbauarbeiten im Rathaus im leer stehenden Gebäude des ehemaligen Kaufhauses König ab sowie 2012 im historischen Rathaussaal, da damals die Alte Markthalle anderweitig vergeben war.
Ein kleiner Ausflug in die Geschichte
Die Amtshauptmannschaft Kronach bestand im 16. und 17. Jahrhundert im Wesentlichen aus der heutigen sogenannten Oberen Stadt. Sie war in vier Viertel geteilt, die auch heute noch im städtebaulichen Grundriss erkennbar sind. Diesen Vierteln standen die vom Rat der Stadt berufenen Viertelmeister vor und bildeten das Bindeglied zwischen Stadtverwaltung und Bürgerschaft. Sie waren Stadtbedienstete und würden heutzutage ihre Dienste im Range eines Abteilungsleiters leisten. Im Dreißigjährigen Krieg waren sie es, die in ihren Vierteln die Verteidigungsbereitschaft auf ihren Stadtmauerabschnitten organisierten. Der Stadtvogt agierte in hochstiftlicher Zeit im Auftrag des Fürstbischofs von Bamberg mehr oder weniger als Kontrolleur der bürgerlichen Stadtführung. Der „moderne“ Stadtvogt und seine Viertelmeister beschäftigen sich heute überwiegend mit der Organisation der historischen Tage. Der Arbeitskreis Stadtspektakel trifft sich zu Besprechungen etwa zehn Mal im Jahr. Die Ideen, wie man das hochstiftliche Kronach wieder zum Leben erwecken kann, gehen ihnen mit Sicherheit auch in Zukunft nicht aus.
Programm & Abaufplan
Viertelmeistertag 2015: Los geht‘s um 18.30 Uhr an der Melchior-Otto-Säule mit einer Fanfare des Spielmannszugs Nordhalben. Danach geht es für die Viertelmeister, den Stadtvogt und den historisch Gewandeten zur Markthalle. Um 19 Uhr ist Schmäußen und Verkosten der Kronacher-Ellen-Bratwurst vor der Alten Markthalle angesagt. Dazu gibt es ein Salut der Ausschüsser. Eine halbe Stunde später präsentieren sich die historischen Gruppen auf der Treppe zur Alten Markthalle. Nachdem gemeinsamen Einzug in die Markthalle, werden dort der Stadtvogt, der Kastner und die Viertelmeister Bericht zu den Geschehnissen in der Oberen Stadt abgeben. Der Viertelmeistertag klingt aus mit Musik von Vogelfrei, den „Croniche´ Tanzleut´“, Schmäuß und Croniche Broudwörschd.