
Stadtgeschichte
Die malträtierte Dreifaltigkeit
Eine von Kronachs ältesten sakralen Darstellungen im Innern der Bastion Philipp auf der Festung Rosenberg
von Peter Engerisser
Das Eintauchen in die Katakomben der Festung Rosenberg ist schon ein besonderes Erlebnis. Vom Parkplatz hinter der Festung kommend, öffnet sich auf Tastendruck ein Tor und macht den Weg frei ins Innere der Kasematte der östlichen Bastion St. Philipp. Über einen gewölbten Gang, flankiert von steinernen Ausstellungsartefakten, gelangt der Besucher in den sogenannten Kugelgarten (eine abgesenkte Flanke der Bastion) und weiter durch einen Tordurchgang (Poterne) ins Innere der Festung.
Einnahme einer Festung leicht gemacht

Der Durchgang durch die Bastion wurde im Jahr 2019 als behindertengerechter Zugang vom neuen Parkplatz im äußeren Wallgraben in die Festung konzipiert und war bereits im Dezember 2020 fertiggestellt. Leider geriet eine würdige Einweihung dieses zweifelsohne spektakulären Projekts samt Ausstellungskonzeption aufgrund der Corona-Pandemie etwas in den Hintergrund und wurde lediglich durch zwei Pressemeldungen publik1. So wunderten sich viele Kronacher, dass sie im Anschluss an ihren Sonntagnachmittags-Spaziergang durch die Parkanlagen der Festung diese plötzlich ebenerdig von hinten betreten konnten. Bei der Realisierung dieses Bauvorhabens kam den Planern zugute, dass bereits im Kriegsjahr 1944 ein Zugang vom Äußeren Wallgraben ins Innere der Bastion geschaffen und später wieder verschlossen worden war. Anlass zu diesen Baumaßnahmen war der geplante Ausbau der Festungs-Kasematten zur Produktionsstätte „Entwicklungs- und Versuchsbau“ für den raketengetriebenen Abfangjäger Me-163 – quasi als bombensicheren Ersatz für die kurz zuvor von den Alliierten zerstörten Werksgebäude der Messerschmitt AG in Augsburg. Die Bauarbeiten dazu begannen im September 1944 und wurden am 1. März 1945, zwei Monate vor Kriegsende, glücklicherweise eingestellt2. Hätten die Alliierten von diesem Projekt Wind bekommen, stünde uns die Festung Rosenberg wohl in ihrer heutigen Form nicht mehr zur Verfügung.
Ein einmaliges Zeugnis spätmittelalterlicher Sakralkunst
Am südöstlichen Ende des Tunneldurchgangs, unter einem vergitterten Fenster, stößt der Besucher auf eine Säule, welche zwei der frühesten, qualitätsvollsten und (bis zu ihrer leichtfertigen Beschädigung) am besten erhaltenen Artefakte aus der Entstehungsgeschichte der Festung beherbergt: Zwei Sandstein-Reliefs aus den Säulensteinen der ehemaligen Festungskapelle, datiert 1486.

Bei dem einen Motiv handelt es sich um eine spätmittelalterliche Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit, einen sogenannten Gnadenstuhl. In dieser für die Gotik typischen Anordnung wird Gott Vater als alter, bärtiger Mann (Symbol für Weisheit) auf einem Thron sitzend dargestellt. In Händen hält er das Kreuz mit dem toten Christus. Die Taube als Symbol für den Heiligen Geist schwebt zwischen Vater und Sohn. Bemerkenswert ist die sehr ursprüngliche, beinahe archaische Darstellung dieses Motivs, welches teilweise byzantinische Merkmale aufweist. Zweifelsohne handelt es sich um eines der ältesten sakralen Motive Kronachs. Lediglich die Kreuzgruppe an der Chor-Außenseite der Spitalkirche soll mit ihre Entstehung um 1464 um einige Jahre älter sein.
Unter dem Relief eine Schriftkartusche mit lateinisch/griechischen Buchstaben in gotischen Minuskeln und folgendem Wortlaut:
„Domine ih[s]u [ih = griech. je] xp[ist]e [xp = griech. chr] fili dei un[i]g[enite] atq[ue] intermerate virginis mariae benedic domu[m] ista[m] et o[mn]es habita[n]tes in ea benedictione[m] consequantur eternam“
In der Übersetzung: „Herr Jesu Christe, eingeborener Sohn Gottes und der unbefleckten Jungfrau Maria, segne dieses Haus und alle, die darin wohnen, mögen den ewigen Segen erlangen …“3
Das zweite Relief auf der Rückseite der Säule besteht aus drei Elementen: oben links das Wappen des Hochstifts Bamberg in einer sehr frühen, ursprünglichen Form des schreitenden Löwen, welcher die Schrägleiste von hinten hält. Oben rechts das Wappen des Fürstbischofs Philip von Henneberg (Amtszeit 1475 – 1487), die Henne auf drei Kugeln. Darunter die Inschrift: „Philips von gots gnaden bischoff zu Babenberck Graf, Herr zu Henneberck“. Dazu die Jahreszahl 1486.
Die ehemalige Schlosskapelle auf dem Rosenberg
Tatsächlich stammen diese beiden Reliefs aus zwei unterschiedlichen Säulen der ehemaligen Schloss- bzw. Festungskapelle: Das Dreifaltigkeitsmotiv aus der nördlichen, die Wappensteine mit der Jahreszahl aus der südlichen Säule der Kapelle.
Beim 1486 begonnenen Bau des Südflügels der Festung, hatte der Bauherr, Fürstbischof Philipp von Henneberg, die ursprünglich wohl freistehende Kapelle einlegen und in den Neubau des neuen Südflügels einbeziehen lassen4. Sie befand sich im rechten (östlichen) Teil des damals noch durch zwei Quergiebel gegliederten Baus. Fürstbischof Veit II. von Würtzburg ließ im Jahr 1571 einen zweiten Stock aufsetzen. Sein jetziges Aussehen erhielt der heute als „Kommandantenbau“ bezeichnete Südflügel in den Jahren 1730 – 1733 durch den Baumeister Balthasar Neumann, der die Kapelle, weitgehend in ihrer ursprünglichen Form, in einen neuen, verputzten Zweckbau integrierte.

Die Leidensgeschichte von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist
Anlässlich des Umbaus des Kommandantenbaus oder Südflügels der Festung Rosenberg zur „Fränkischen Galerie“ zwischen 1980 und 1983 wurde dieses Gebäude komplett entkernt, die beiden originalen Sandsteinsäulen der ehemaligen Kapelle abgebrochen und durch Stahlbeton-Säulen ersetzt5. Von den Sandstein Reliefs und Inschriften wurden Gipsabgüsse gefertigt, wie sich heute noch an der grünen Farbe des verwendeten Trennmittels an den Original-Fragmenten erkennen lässt. Diese wurden zunächst eingelagert und 40 Jahre später, zusammen mit anderen Wappensteinfragmenten, als Bestandteil der musealen Präsentation im neu entstandenen Durchgang durch die Kasematten der Bastion St. Philipp wieder aufgestellt.
Die jetzige Aufstellung der Originalfragmente im Bastionsdurchgang ist quasi ein Puzzle aus zwei Säulen.

Der Abbruch der originalen Sandsteinsäulen Anfang der 1980er Jahre erfolgte allerdings ohne Information der Öffentlichkeit und offensichtlich ohne die nötige denkmalpflegerische Sorgfalt, wodurch die Skulpturen und Inschriftenkartuschen stark beschädigt wurden. Die jetzige Aufstellung der Originalfragmente im Bastionsdurchgang ist quasi ein Puzzle aus zwei Säulen. Am ursprünglichen Standort in der Festungskapelle stehen seit 1983 besagte Stahlbetonsäulen mit Kunstmarmor(Stucco)-Ummantelung. Darin eingelassen die Gips-Imitate der Skulpturen und Schriftkartuschen. Der Beweis, dass die teils erheblichen Beschädigungen an den Reliefs und Inschriften erst während oder nach der Demontage aus den Originalsäulen entstanden sind, liefert ausgerechnet die sich heute noch auf den Originalen befindliche grüne Trennmittelfarbe, welche zur Abnahme der Gipsabgüsse aufgebracht wurde und welche die frischen Bruchstellen deutlich zutage treten lässt.


Am ärgsten in Mitleidenschaft gezogen wurde das Dreifaltigkeitsmotiv mit Ausbrüchen an den exponierten Stellen: Dem rechten Flügel der Taube, der Stirn Gottes und den Armlehnen des Thronsessels. Komplett abgebrochen ist das rechte Rollwerk der darunterliegenden Schriftkartusche auf einer Länge von ca. 30 cm. Bei den Wappensteinen auf der Rückseite wurde vor allem der Kopf des schreitenden Löwen in Mitleidenschaft gezogen. Beschädigungen solcher Art sind nur durch massive Gewalteinwirkungen möglich, zum Beispiel durch Herabstürzen auf harten Untergrund oder durch den ungeschützten Transport mit schweren Hebewerkzeugen. Einige der Beschädigungen scheinen neueren Ursprungs zu sein, worauf relativ frische Schmutz- bzw. Erdspuren an den Bruchstellen hindeuten. Auf welche Art und Weise oder zu welchem Zeitpunkt genau diese Beschädigungen entstanden sind, darüber können nur die an den jeweiligen Maßnahmen beteiligten Personen Auskunft geben.



Zur Bastion St. Philipp, die eigentlich St. Sebastian heißt
Die Benennung der Bastionen der Festung Rosenberg stellt in ihrem heutigen Sprachgebrauch ein Sammelsurium von Namen über 3 verschiedene Bauepochen dar. Die bunte Mischung, die derzeit im Sprachgebrauch ist (Im Uhrzeigersinn von Südwesten: St. Kunigunde bzw. Marie (I), St. Valentin (II), Lothar (III), St. Philipp (IV), St. Heinrich (V)) ist historisch inkonsistent und von der baugeschichtlichen Einordnung ziemlich irreführend. Entweder man bezeichnet die Bastionen nach ihrer letzten Benennung aus dem 19. Jahrhundert mit: Marie (I), Carl (II), Ludwig (III), Luitpold (IV) und Maximilian (V). Das wäre konform mit dem Sprachgebrauch der heute gastronomisch genutzten Bastion Marie. Oder man belässt die Benennung der Bastionen nach der Epoche ihrer Erbauung bzw. letzten Formgebung zwischen 1658 und 1699. Dann wären die richtigen Namen (im Uhrzeigersinn von Südwesten): St. Heinrich (I), St. Valentin (II), Lothar (III), St. Sebastian (IV) und St. Kunigunde (V)6. Diese Bezeichnungen entsprächen auch dem heute maßgeblichen Plan der Festung Rosenberg von Johann Christein aus dem Jahr 1693. Christein war als Festungsbaumeister am Bau sämtlicher Bastionen beteiligt und sollte somit auch in deren Benennung kompetent sein (mit Ausnahme der nordöstlichen Bastion Lothar, die erst 1699 fertiggestellt wurde).7
Kehren wir nach diesem Exkurs nun zu der hier relevanten östliche Bastion IV zurück, nennen wir sie nach heutigem Sprachgebrauch St. Philipp. Diese Bastion nimmt in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein, nicht nur, weil sie die größten und zahlreichsten Kasematten der Festungsanlage beherbergt. Sie hieß nach ihrer Errichtung 1659 – 1663 unter Fürstbischof Philipp Valentin Voit von Rieneck tatsächlich zuerst St. Philipp. Kurz nach ihrer Fertigstellung 1663 war die Bastion durch Wassereinbruch allerdings schon wieder baufällig geworden und am 22. März 1668 teilweise eingestürzt. Sie wurde bis zum Jahr 1693 von dem nunmehrigen Fürstbischof Marquard Sebastian Schenk von Stauffenberg (1644 – 1693) erneuert und konsequenterweise nach ihrem Neuerbauer in St. Sebastian umbenannt. Dies, sowie die Jahreszahl 1693 ist in einer Inschrift auf dem auf halber Höhe der Bastion angebrachten, monumentalen Wappenstein des Fürstbischofs vermerkt (MARQVARD: SEBASTIAN: … RESTAURAT ANNO MDCXCIII).8

Seit dieser Zeit und um zukünftige Wasserschäden zu vermeiden, wird diese Bastion durch einen ca. 30 m (103 bayer. Fuß) tiefen rechteckigen Brunnenschacht entwässert, durch den im unteren Bereich eine eiserne Brückenkonstruktion führt. Deren Passage war bei früheren Festungsführungen eine Besucherattraktion, ist aber aufgrund von Baufälligkeit leider nicht mehr zugänglich. Dieser auch Kugelbrunnen genannte Schacht befindet sich in der nordöstlichen Ecke des sogenannten Kugelgartens (abgesenkte Flanke der Bastion).9 Im Festungsplan des Johann Christein von 1693 ist der Brunnen jedenfalls bereits eingezeichnet, samt Verlauf eines unterirdischen Entwässerungskanals („gegen daß Hl. Creutz zu“, gemeint ist wohl die Kapelle auf dem Kreuzberg).


Der Überlauf dieser Quelle mündete ursprünglich in die Kronacher Wasserleitung. Außerhalb, am Fuße der Bastion befand sich ein 40 Fuß tiefer, gemauerter Revisionsschacht, innen markiert mit HAV 1729, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus festungsspezifischen Geheimhaltungsgründen verschlossen wurde. Die Quelle trat noch bis vor etlichen Jahrzehnten im unteren Bereich des östlichen Festungsabhangs zutage und wurde eine Zeit lang genutzt, um das in diesem Bereich errichtete Kneipp-Becken des damaligen Kreiskrankenhauses Kronach zu speisen. Das Becken ist heute ein „Lost Place“ im Unterholz des Festungsabhangs (oberhalb Rosenbergstraße Haus Nr. 24). Der Schacht des Brunnens auf der Bastion selbst ist mittlerweile von oben vergittert und somit wieder zu besichtigen, nachdem das Areal viele Jahre durch einen Bauzaun abgesperrt war.
Anmerkungen
- Maria Löffler: Festung erhält barrierefreien Zugang. In: Neue Presse Coburg. 23. Juli 2019, S. 9; Heike Schülein: Stufenlos auf die Burg. In: Neue Presse Coburg. 24. Dezember 2020, S. 14. ↩︎
- Vgl. Christian Winter: GeKro – Versuch einer rüstungstechnischen Nutzung der Festung Rosenberg…, Historisches Stadtlesebuch, Kronach 2003, S. 423ff. ↩︎
- Die Übersetzung nach: Georg Fehn: Chronik von Kronach Bd. 6, Kronach, Carl Link Verlag 1972, S. 105. ↩︎
- Zu Ausstattung und Aussehen der ehemaligen Kapelle vgl. Fehn, wie Anm. 3. ↩︎
- Vgl. Michaela Werrlein, Bernd Wollner: Die Festung Rosenberg, Ein Führer und Begleiter durch Kronachs berühmte Wehranlage, Kronach, Carl Link Verlag 1994, S. 51. ↩︎
- Die babylonische Sprachverwirrung hatte eine ihrer Ursachen in einem Plan der Festung von 1741 des bambergischen Hofbaumeisters Johann Jakob Michael Küchel, der den Bau der zwischen 1641 und 1643 im Norden der Festung errichteten „Contregarde Carl“ leitete. Küchel hatte auf seinem Plan zwar die drei nördlichen Bastionen Valentin (II), Lothar (III) und Sebastian IV) richtig benannt, jedoch die Namen der beiden südlichen Bastionen Kunigunde und Heinrich vertauscht. Ein Fehler, der sich bis heute durch alle Beschreibungen und Führer der Festung Rosenberg zieht. Korrekt wären die Namen St. Heinrich für die linke, südwestliche Bastei (I, heute Marie) und St. Kunigunde für die rechte, südöstliche Bastei (Bastion V, auf der heute die Rosenberg-Festspiele stattfinden). Der Küchelplan von 1641 ist abgebildet in Bernd Wollner: Die Festung Rosenberg, Ein Führer und Begleiter durch Kronachs berühmte Wehranlage, Kronach, Helmut Angles Verlag 2002, S. 36. ↩︎
- Über den Festungsplan des Johann Christein vgl. Alexander Süß in: cranach, Magazin für das Kronacher Land Nr. 59/2025, 35. Jahrg., ab S. 7. ↩︎
- Die komplette Inschrift lautet: MARQVARD:SEBASTIAN:EPVS:BAMB:SACRI:ROM:IMP:PRINCEPS PROPVGNACVLVM HOC DE FVNDO EXSTRVCTVM ANNO MDCLVIIII ….. RESTAVRAT ANNO MDCXCIII (Ergänzung der Inschrift nach G. Fehn, wie Anm. 3, S. 295). In der Übersetzung: Marquard Sebastian, Bischof von Bamberg, Fürst des Hl. Röm. Reiches. Dieses Bollwerk wurde von Grund auf errichtet im Jahr 1659 … Erneuert im Jahr 1693. ↩︎
- Die in der Anmerkung der von Hans Kremer erstellten Übersichtskarte der Festung samt Legende in Georg Fehn, Chronik von Kronach, Bd. 6, Kronach 1972, S. 352, vermerkte Jahreszahl: „1832 – Brunnen in gesenkter Flanke angelegt“ bezieht sich jedenfalls nicht auf das Jahr der erstmaligen Erstellung, sondern auf eine Wiederherstellung. Über den Brunnen selbst vgl. Georg Fehn, ebd., S. 295. ↩︎
Bildnachweis: Abb. 3: Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, P1 Nr. 2641 – Photographie im Stadtarchiv Kronach. Abb. 4: Achim Bühler, Küps. Alle anderen Bilder sind Aufnahmen des Autors.

Aus dem Heft
Dieser Beitrag erschien in cranach – Magazin für das Kronacher Land, Ausgabe 60/2026. Das Heft mit weiteren Beiträgen zur Kronacher Stadtgeschichte gibt es im Shop des Vereins.


