
Am Dienstag sprach der Historiker Kai Lehmann im evangelischen Gemeindehaus in der Kronachallee über Hexenverfolgung in protestantischen Gebieten. Das Interesse am Thema war groß. Bibi Blocksberg, Knusper-knusper-Knäuschen, Halloween – Heutzutage kommen einem meist solche Gedanken zum Thema Hexen in den Sinn. Einst aber stand das Wort in Verbindung mit unbeschreiblichem Leid – der Hexenverfolgung, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert. Dabei reiht sich Klischee an Klischee: Hexen waren ausschließlich Frauen, sie waren einen „Erfindung“ des finsteren Mittelalters, ausgelöst von der „bösen“ römisch-katholischen Kirche. Wie falsch diese gängigen Meinungen sind – Das zeigte Kai Lehmann, der damit einer Einladung des Vereins „1000 Jahre Kronach“ in Kooperation mit dem örtlichen Arbeitskreis der Evangelischen Akademie Tutzing folgte, in seinem spannenden Vortrag.
Der Kulturreferent in Schmalkalden zeigte als überaus profunder Kenner des Themas völlig neue Sichtweisen auf. Er nannte Hintergründe und Ursachen für den Wahn, er hinterfragte Vorurteile und auch die Rolle Luthers als vermeintlichen „Hexenjäger“ – und das alles in einer unglaublich mitreißenden Art und Weise – in einem Vortrag, der es in sich hatte!

„Sie schaden mannigfaltig, also sollen sie getötet werden“ – Dieser und noch weitere Sprüche wie „Ich will der erste sein, der Feuer an sie legt“, stammen von Luther aus einer seiner aggressiven Hexenpredigten aus dem Jahre 1526. „Fünf Mal innerhalb kürzester Zeit hörten die Wittenberger darin aus seinem Mund, Hexen töten zu müssen“, so Lehmann. Der Reformator habe ebenso fest an die Existenz von Hexen geglaubt wie die allermeisten seiner Zeitgenossen. „Luther war fest davon überzeugt, dass es Hexen gibt und dass sie durch ihre Zauberei Schäden an Mensch, Vieh und Ernte anrichten“, erklärte der Historiker. Die Hexen sollten für ein – für Luther real existierendes – Verbrechen bestraft werden, ebenso wie auch Diebe oder Mörder. „Meine Zunft, die Schulen, die Gerichtswissenschaften – Wir alle haben bei diesem Thema vollkommen versagt“, zeigte sich der Direktor des Schlosses Wilhelmsburg und Kurator der in Schmalkalden im Jahre 2013 gezeigten Ausstellung „Luther und die Hexen“ sicher. Anstatt Aufklärung und Gedenken gebe es Halbwahrheiten und Klischees. Ihm gehe es um die Erinnerung an diese Abertausend unschuldigen Menschen, denen so viel Qual, Unglück und Schmerz zugefügt wurde. Allein auf deutschem Boden gebe es 25.000 bekannte Opfer, damit sei man mit großem Abstand „Spitzenreiter“. Die Dunkelziffer sei aber weitaus größer. Die Scheiterhaufen hätten konfessionsunabhängig in katholischen wie protestantischen Gebieten zu Tausenden gelodert. Doch woher kam der Wahn? Der Glaube an Hexen sei so alt wie die Menschheit selbst. Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit sei die Zeit in gewisser Weise „reif“ für Hexen gewesen. Mehrere Faktoren seien zusammengelaufen. Man habe vier „Erkennungsmerkmale“ erdacht. Waren diese – der „Teufelsbund“, die „Teufelsbuhlschaft“, der „Schadenszauber“ und der „Hexensabbat“ – erfüllt, galten Menschen als Hexen. Damals habe es einen Klimawandel gegeben – mit verheerenden Folgen. Da sich die Menschen die Phänomene nicht erklären konnten, suchten sie einen Sündenbock – Hexen. Ihnen gab man die Schuld an Plagen, am Viehsterben, an Krankheiten, der Kindersterblichkeit, an plötzlichen Todesfällen. Dazu kamen persönliche Motive wie Rache, Zorn, Neid, Habgier und Missgunst. „Der Wahn nährt den Wahn“, zeigte sich Lehman sicher. Zudem seien religiöse Auseinandersetzungen und Verunsicherungen durch Reformation und Gegenreformation vonstattengegangen.
Bereits zu Lebzeiten von Luther habe es einzelne Verfolgungen und auch Verbrennungen gegeben. Der eigentliche Wahn habe aber erst danach begonnen. Für sich selbst sei Lehman zum Schluss gekommen, dass es zu keinen Massenverfolgungen von Hexen gekommen wäre, wenn sich protestantische Obrigkeiten an Luther gehalten hätten – trotz dessen Hasspredigten. Luther sei nämlich überzeugt gewesen, dass der durch Hexen verübte Schadenszauber göttlich legitimiert sei. Man wisse nicht, was Gott damit vorhabe. Als Beispiel aus der Bibel nannte er Hiob, dem eine Reihe von Unglücken widerfahren sei.
Die Hexen-Massenprozesse seien durch das perfide System der „Besagungen“ ausgelöst worden. Durch Folter erreichte man, dass die Beschuldigten die Namen anderer Personen nannten, die am angeblichen Hexentanz teilgenommen hätten. Der Historiker sprach von einem Dominoeffekt: Die nächste Angeklagte beschuldigte eine weitere Frau und so weiter. Die Foltermethoden seien grausam gewesen und hätten „barbarische Schmerzen“ verursacht. Der krude Geist des 19. Jahrhunderts habe es aber noch schlimmer gemacht, als es tatsächlich gewesen sei. Verschiedene deutsche Museen zeigten Folterinstrumente, die es so nie gegeben habe. Tatsächlich habe es drei Grade gegeben – von Daumenschrauben über das Strecken des menschlichen Körpers (25 bis 30 cm länger!) bis beispielsweise zum Zertrümmern von Kniescheiben durch Beinschrauben. Den dritten Grad – beispielsweise Brennen mit glühenden Gegenstände oder Übergießen mit Schwefel – habe es nur sehr selten gegeben. „Vom Scharfrichter wurde verlangt, das Opfer am Leben zu lassen“, erklärte der Historiker. Der Scharfrichter habe zwei Gulden für die Folterung und vier Gulden für die Hinrichtung erhalten. Überhaupt seien Hexenprozesse für viele eine „Gelverdien-Maschinerie“ gewesen.
Mit den Urteilen hätten die Kirchen nichts zu tun gehabt. „Hexenprozesse wurden vor weltlichen Gerichten geführt“, stellte der Sozialhistoriker klar. Die Urteile fällten meist die Schöffenstühle von Universitäten. Unter anderem die Aufklärung habe ein Ende der Hexenverfolgung bewirkt. Menschen konnten sich die Phänomene der Natur und Krankheiten erklären. Wer denke, dass heute Hexenverfolgung keine Rolle mehr spiele, irre gewaltig. In vielen Ländern wie Indonesien, Afrika oder Lateinamerika würden Menschen noch immer für bestimmte Krankheiten wie Aids verantwortlich gemacht. Und wir in Mitteleuropa? „Wir verbrennen sie nicht. Wir zerstören ihren Ruf, ihren Leumund, wir mobben sie. Wir treiben sie durch die Medien oder mit einem Shitstorm bis zum Selbstmord“, prangerte er an. Dies seien andere Formen der Hexenverfolgung. Sein Vortrag wurde mit viel Applaus bedacht. Auch Dekanin Dorothea Richter dankte für den „außerordentlich spannenden“ Vortrag. Danach stellte sich der Referent noch für Fragen zur Verfügung.
Autorin & Fotografin : Heike Schülein, FT